90 Jahre Baugenossenschaft Sindelfingen

Genossenschaftlicher Wohnungsbau als Vorreiter

GründungsurkundeEin gebürtiger Stuttgarter – Victor Aimé Huber – gilt als geistiger Vater der Genossenschaftsbewegung in Deutschland. Nachdem er 1844 in den englischen Cottage-Siedlungen eine neue Wohnform gefunden hatte, wurde 1849 in Berlin mit sechs Kleinhäusern eine erste genossenschaftliche Siedlung realisiert. Bauträger war die „Gemeinnützige Berliner Baugesellschaft“. Sie ist die Keimzelle des genossenschaftlichen Wohnungsbaus. Zwei Jahre vorher hatte Friedrich Wilhelm Raiffeisen den ersten Hilfsverein zur Unterstützung der armen Landbevölkerung gegründet, aus dem dann 1862 der „Heddersdorfer Darlehenskassenverein“ wurde. Die pure Not war auch der Vater des Gedankens für die Gründung der „Rohstoffassoziation“ durch Hermann Schulze-Delitsch 1847. Einige Jahre später wurde daraus der erste „Vorschussverein“ – der Vorläufer der heutigen Volksbanken. 1889 trat das Genossenschaftsgesetz in Kraft, das bis heute als Grundlage für die Rechte und Pflichten, die Organe und Satzung der Genossenschaften oder deren Prüfungspflicht dient.


Renaissance des genossenschaftlichen Gedanken

In gleichem Maße, wie die staatlichen Sozialleistungen gekürzt werden, steigt heute die Bedeutung der genossenschaftlichen Selbst- und Mitbestimmung und Eigeninitiative wieder. Der genossenschaftliche Gedanke erlebt quer durch die Republik eine kleine Renaissance. In den vergangenen Jahren wurden 200 neue Genossenschaften gegründet. Allerdings weniger in den traditionellen Bereichen Wohnungsbau, Kreditwesen, Gewerbe und Landwirtschaft sondern in Wachstumsbranchen wie dem Dienstleistungssektor, den neuen Medien oder dem Bildungs- und Gesundheitswesen.


Arbeit und Wohnungen

SchnödenecksiedlungWilhelm Hörmann, von 1895 bis 1932 Stadtschultheiß, war die treibende Kraft des genossenschaftlichen Wohnungsbaus in Sindelfingen. Rund 60 Jahre nach dessen ersten Anfängen in Berlin konnte dadurch auch in Sindelfingen die Wohnsituation vieler Menschen entscheidend verbessert werden. Die Wohnungsknappheit war das Resultat der Industrialisierung der Stadt: Es gab Arbeit, aber keinen Wohnraum. Vier Jahre nachdem die Daimler-Motorengesellschaft das Werk Sindelfingen gegründet hatte, wurde mit Unterstützung der Gemeinde, der Stadtsparkasse und der Daimler-Motoren-Gesellschaft am 23.02.1919 der „Bau- und Sparverein Sindelfingen“ ins Leben gerufen. Aus diesem entstand später die Baugenossenschaft Sindelfingen e. G. Gleich das erste Bauprojekt, die Schnödeneck Siedlung in Sindelfingen, wurde ein großer Erfolg. Wilhelm Hörmann gewann für die Planung mit Paul Schmitthenner einen der zu dieser Zeit tonangebenden Architekten. Die 80 Häuser umfassende Siedlung etwas außerhalb der Stadt im Nord-Osten gelegen, wurde zum Vorzeigeprojekt für andere Genossenschaften aus ganz Baden-Württemberg. Weitere 42 Häuser ähnlichen Stils wurden an der Zimmerplatz-Siedlung im Südwesten der Stadt erbaut.


Expansion nach 1945

Altes Logo Baugenossenschaft Sindelfingen 1938 wurden die Wohnungsbaugenossenschaften in Deutschland der „Siedlerideologie“ unterworfen und im „Reichsverband der deutschen gemeinnützigen Wohnungsunternehmen“ eingegliedert. Nach dem 2. Weltkrieg und der Währungsreform wurde mit der neuen Firmierung Baugenossenschaft Sindelfingen e. G. und einem Bestand von 25 Miethäusern der Neuanfang gewagt. Erfahrungen im Bau von Eigenheim hatte die Baugenossenschaft Sindelfingen reichlich. Immerhin hatte sie bis zu diesem Zeitpunkt seit ihrer Gründung über 300 Eigenheime gebaut. Die Expansion des Unternehmens verlief parallel zum wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt. „Der Daimler“ zog die Menschen an, die Einwohnerzahlen steigen von rund 11.500 Ende 1950 auf gut 26.000 im Juni 1961. In diese Phase fiel der Bau der Rotbühlsiedlung mit 200 Reihenhäusern – noch heute, 50 Jahre nach ihrem Bau, sind diese Häuser in diesem schönen Wohnquartier für Familien eine begehrte Investition. Doch mit normalen Reihenhäusern war der enorme Wohnungsbedarf bei weitem nicht zu decken. Die Rationalisierung der Bauabläufe erlaubte dann aber den schnellen Bau von mehrgeschossigen Häusern. Die Baugenossenschaft Sindelfingen erbaute dann 1961 im Eschenried die ersten Wohnblöcke mit 36 Eigentumswohnungen.


Qualität statt Quantität

Stand noch bis weit in die 60er Jahre hinein die reine Wohnraumversorgung der ständig weiter wachsenden Sindelfinger Bevölkerung im Vordergrund  – bis 1970 war die Einwohnerzahl auf über 40.700 geschnellt – wandelten sich in den 70er und 80er Jahren die Ansprüche an den Bauträger. Gefragt waren Eigentumswohnungen mit großen Wohnflächen, einer bessere Ausstattung z. B. im Sanitärbereich, mit Balkonen oder Terrassen, einem Aufzug und natürlich einer Tiefgarage mit Einzelgarage für den Jahreswagen. Die Baugenossenschaft Sindelfingen engagierte sich zu dieser Zeit in allen wichtigen und das Stadtbild prägenden Baugebieten: auf dem Goldberg, im Spitzholz, in der Viehweide oder im Hinterweil. Schon früh erkannte die Baugenossenschaft Sindelfingen die Bedeutung von innerstädtischen Brachflächen oder Baulücken. Erste Erfahrungen mit dieser sensiblen Aufgabe wurden mit der Bebauung der „Stadt-Wohn-Oase I und II“ in der Wurmbergstraße gewonnen.


Energieeffizienz und Projektentwicklung

City-CubeDiese Erfahrungen fließen in die Planungen der Wohnbauprojekte der Baugenossenschaft Sindelfingen ein. Viele Erwerber finden in der Liebenzeller, Maichinger und Hirsauer Straße ein neues Zuhause. Die Baugenossenschaft Sindelfingen erkennt schon früh den Trend, dass die Menschen wieder verstärkt ihren Lebensmittelpunkt in innerstädtischen Lagen suchen. Kurze Wege zur Arbeit und ein sparsamer Umgang mit den Ressourcen stehen im Mittelpunkt der Kaufentscheidung. Folgerichtig nimmt sich die Baugenossenschaft Sindelfingen im Jahr 2005 der Bebauung des Grundstücks Ecke Mercedes Straße/ Untere Vorstadt an. Der architektonisch auffällige „City Cube“ erfüllt das unansehnliche Schlüsselgrundstück mit neuem Leben und prägt das Stadtbild entscheidend mit. Zudem betritt die Baugenossenschaft Sindelfingen bei der Energieversorgung des Gebäudes Neuland: Der „City Cube“ wird das erste mehrgeschossige Wohn- und Geschäftshaus in Sindelfingen, das mit Erdwärme beheizt wird. Und sie liegt damit wieder richtig. Heute hat sich die Energieeffizienz einer Wohnimmobilie zu einem ihrer entscheidenden Qualitätsmerkmale entwickelt. Das sich die Baugenossenschaft Sindelfingen im Laufe der Jahre von einem klassischen Bauunternehmen zu einem modernen Dienstleistungsunternehmen entwickelt hat ist hinlänglich bekannt. Ihr Leistungsspektrum umfasst z. B. die Verwaltung und Betreuung von Wohneigentümergemeinschaften. Doch das Unternehmen entwickelt sich weiter: Im Jahr 2007 erschließt es im Auftrag von Dritten als allein verantwortlicher Projektentwickler erstmalig und erfolgreich ein komplettes Neubaugebiet. Auf der „Teufelsfarm am Kapellenberg“ in Grafenau-Döffingen entstanden insgesamt 18 hochwertige Baugrundstücke.


Genossenschaft hat Zukunft

Vielleicht galt vielen Menschen in den vergangenen wirtschaftlichen Boomzeiten eine Baugenossenschaft als Auslaufmodell. Doch angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise in 2008 und 2009 ist die Genossenschaftsidee aktueller denn je. Sie bietet den Menschen einen verlässlichen und bewährten Weg, um sich durch Eigenverantwortung, Selbst- und Mitbestimmung ihre Vorstellungen von Wohn- und Lebensqualität zu realisieren. Dabei müssen sie keine negativen Auswirkungen eines unersättlichen Profitdenkens befürchten. Eine große Zukunft werden generationenübergreifende Wohnformen haben, die Rücksicht auf die zukünftigen demographischen Entwicklungen der Gesellschaft nehmen. Auf diese neuen Herausforderungen können Genossenschaften flexibel, schnell und unbürokratisch reagieren.


Ökologischer und komfortabler Wohnraum für Menschen aller demographischen Schichten

Neue Mitte Grafenau (Bild: Architekturbüro Hinrichsmeyer+Bertsch, Böblingen)Die „Neue Mitte Grafenau“ ist ein außergewöhnliches Großprojekt der Baugenossenschaft Sindelfingen eG. Im 1. Bauabschnitt entstehen im Frühjahr 2012 vier Wohn- und Geschäftshäuser, die in Zukunft den neuen Marktplatz von Grafenau-Döffingen umrahmen werden. Der 1. Abschnitt umfasst den Bau von 19 barrierefreien Komfortwohnungen, deren Wohnflächen zwischen 65 und 177 qm variieren. „Wir wollen mit dieser Vielfalt möglichst unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Die Neue Mitte Grafenau soll generationenübergreifender Lebensraum für Menschen aus allen demographischen Schichten werden“, erklärt Christian Zeisler, Vorstand der Baugenossenschaft Sindelfingen e G den Ansatz. Angesprochen werden aber auch Käufer, die exklusiv wohnen und leben wollen. Speziell für den gehobenen Käuferkreis sind die fünf Penthousewohnungen. Sie lassen hinsichtlich ihrer Ausstattung, ihrem Wohnkomfort und Panoramablick über die angrenzenden Täler, sowie dem Heckengäu keine Wünsche offen. Die Ausstattung aller Wohnungen umfasst raumhohe Fenster, Echtholzparkett, Fußbodenheizung und eine gehobene Sanitärausstattung.


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